| <<< LOOSLIS KOSMOS | LITERATUR MORALKRÄMER Im lachenden Gewande eines alltäglichen Zeitungswitzes, fanden wir letzter Tage neue Nahrung zu einem alten Groll gegen die Leute, welche wir kurzerhand Moralkrämer nennen. Ein unverbesserlicher Trunkenbold stand vor einem amerikanischen Richter, in einem der Staaten, welche die Trunkenheit als solche bestrafen. Der Richter liess es nicht bei der blossen Verurteilung zu einigen Tagen Haft bewenden, sondern fühlte sich verpflichtet, dem Sünder recht väterlich ins Gewissen zu reden und sagte unter anderem auch folgendes: "Siehst du, mein lieber Jim, wenn du statt dein Geld zu versaufen es beiseite gelegt hättest, so wärest du heute ein wohlhabender Mann und besässest ein hübsches Vermögen von wenigstens 10000 Dollars". Darauf Jim: "Sehr richtig, Herr Richter! Aber ich frage Sie, was würden mir dann die 10000 Dollars nützen, wenn ich nicht trinken dürfte?" Ohne gerade dem Laster der Trunksucht, welchem der gute Jim fröhnte das Wort reden zu wollen, musste ich doch anerkennen, dass Jim und nicht der Richter recht hatte, indem er sich mit seinem Gelde, einen, wenn auch nur fragwürdigen Genuss verschaffte, vorausgesetzt freilich, dass Jim sonst keine Familien- oder sonstige Pflichten darob verletzte. Wenn das Trinken wirklich sein grösster Lebensgenuss war und er auf ehrliche Weise sein Geld zu diesem Genuss erst verdiente, dann war Jim ein Lebenskünstler, ein Philosoph und sein Richter ein langweiliger Pedant, ein Moralkrämer. Ein Moralkrämer der recht viele Brüder hat. Und diesen tut es im Herzen weh, wenn sie einen sehen, der sein Leben geniesst auf seine Weise, der rückhaltlos fröhlich ist und sich der Zukunft wegen nicht allzu viel graue Haare wachsen lässt. Ich weiss solche Brüder, die einem den Genuss einer Zigarre, eines Mahles, eines hübschen Bildes, eines interessanten Buches durch die langweilige Frage zu vergällen wissen, ob man denn nicht für das dafür aufgewandte Geld etwas besseres hätte leisten können, wäre es auch nur das gewesen, statt es auszugeben, es zinstragend anzulegen. Oder die Not der leidenden Mitmenschen zu lindern. Die welche so sprechen sind gerade die Schlimmsten, wenn es ans Geben geht und das ist begreiflich; wer für sich selbst nichts übrig hat, der hat auch für andere nichts, und wer sein Vergnügen daran findet, anderen allen und jeden Genuss zu vergällen, moralisch zu verbittern, von dem darf man doch schlechterdings nicht erwarten, dass er für Not ein warmes und fühlendes Herz habe. Ich habe noch immer gesehen, dass der Sorglose fröhlich und ohne Hintergedanken gibt; dass der Moralphilister es nicht über sich bringt, eine Freude zu bereiten, von der er sich von vorneherein ausgeschlossen fühlt. Er empfindet keine reine Freude, der Moralkrämer, und darum ist er zu bedauern und noch mehr zu bedauern ist seine Umgebung, welche er überzeugen möchte, dass er recht habe, dass wir nur da seien um Geld zu verdienen und es an den Zins zu legen, dass der grösste Genuss im toten Besitze besteht. Der Mensch aber hat ein angebornes Recht auf Lebensfreude und Genuss, das ihm nicht verkümmert werden soll. Sonst pfeif ich überhaupt auf das Leben. Man könnte sich höchstens über die Form dieses Genusses streiten, wenn nicht der Streit an sich genusswidrig wäre. Immerhin wird der objektive Beobachter jeweilen die überraschende Erfahrung machen, dass der raffinierteste Genussmensch eigentlich am wenigsten Bedürfnisse, ich meine materielle, grobsinnliche kennt. Die Kunst des Lebens heisst doch eigentlich geniessen. Je weniger der Mensch an äusserem Beiwerke, an materiellen Hilfsmitteln zu der denkbar grössten Potenz des Genusses bedarf, je weiter hat er es in der Lebenskunst gebracht, denn es offenbart sich in der Lebenskunst dieselbe Regel, welche auf jede andere Kunst als Fundamentalgesetz wirkt, nämlich dass der Künstler um so vollendeter ist als er schafft, als er sich des bleischweren Beiwerks entledigt, als er aus voller Seele schöpft. Darum kommen uns die Moralkrämer so unendlich kleinlich vor, weil sie jedes künstlerischen Genius bar sind und daher neideln. Sie neideln, weil sie im tiefsten Grunde ihrer Seele fühlen, dass der andere, der geniesst, eigentlich doch recht hat, glücklicher als sie selbst zu sein. Sie neideln, weil sie nicht wie er aus dem Vollen schöpfen können, weil sie sehr genau fühlen, dass ihnen die geniale Ader der Lebenskunst abgeht. Da bemängeln und nörgeln sie eben und versuchen einem weis zu machen, dass das höchste Glück auf Erden eigentlich die höchste Askese sei. Sie ahnen gar nicht wie recht sie haben, indem sie diesen Satz aufstellen; denn es fällt ihnen nicht ein sich klar zu werden, dass die Askese welche glücklich macht eben Genuss, Genuss der seligen Freiheit ist. Weil sie nicht wie der ideale Genussmensch die Materie bis zu ihrer Entbehrlichkeit zu beherrschen vermögen, müssen sie notgedrungen tyrannisieren, pygmäenhaft und ekelhaft. Sie müssen Gesetze aufstellen, welche sie Moralgesetze nennen, und welche nur dazu da sind, um die um sie herum sprudelnde und schäumende gesunde Sinnlichkeit einzudämmen und zu ersticken. Wer diese Gesetze nicht beachtet, der ist nach ihren herrlichen Begriffen unmoralisch und verdient ausgestossen zu werden aus ihrer reinen Gesellschaft. Da haben sie wiederum ganz recht, denn nur der von unsern Moralkrämern Ausgestossene weiss zu würdigen, wie göttlich viel schöne Genüsse ihm seine Neider gerade dadurch boten, dass sie ihn ausstiessen. Aber diese Ausgestossenen haben eine heilige Pflicht welche ihnen Genuss ist, und das ist die, die Freude am Leben, die Lust an Schönheit und Wahrheit und Recht zu wecken, sich gegen die Moralkrämer zu verbinden und ihnen den Krieg aufs Messer zu erklären, sie zu besiegen in frischem, fröhlichem Kampf. Sie können und sollen es, denn es ist ihnen Lust die kräftigen Glieder in der Sonne der Freude zu dehnen und zu recken und zuzugreifen, kräftig und lachend, da wo veralteter Schmutz ihr Lustgefühl beleidigt. Ich meine, da wo es sich handelt einen aschgrauen Moralkrämer aus seinem dumpfen Trödlergewölbe heraus an die Sonne zu zerren und ihn recht kräftig zu schütteln, dass der Staub in alle Winde fliegt, da sollen wir zugreifen, da ist Götterlust! Es sagte mir einst ein geistreicher Mann, der erste Moralkrämer sei der gewesen, welcher entdeckte, dass sein Nachbar schöner sei als er, da habe er die Kleidung erfunden, und mit der Kleidung jene Scham, die uns zu der abgeschmackten Prüderie führen konnte, Gott in seiner Schöpfung unsittlich zu erklären. Und ich glaube er hatte recht, mein geistreicher Freund. |
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02.07b
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